Far Cry 3 – Review – German

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Blutdiamanten, Malaria, Bürgerkrieg, Entscheidungen, die mich wirklich dazu brachten meine eigenen Taten zu verurteilen tief im Herzen Afrikas waren die Dinge mit denen Spieler von Far Cry 2 konfrontiert wurden. Es war ein psychologischer Trip, der an keinem Punkt versuchte mich zum allmächtigen Helden zu machen. Aber es war auch voll von sich wiederholenden Missionen, eindimensionalen Charakteren, langweiligen Unterhaltungen und furchtbarer künstlicher Intelligenz. Wortwörtlich jeder NPC wollte mich tot sehen, selbst wenn ich doch angeblich auf ihrer Seite war und sie gingen doppelt sicher indem sie wieder und wieder auftauchten, selbst nachdem sie umgebracht wurden.

Jetzt gibt uns Ubisoft einen bekannten und zugleich anderen Ansatz mit Far Cry 3. Verschwunden ist der ehemalige Creative Director Clint Hocking, der für so viele Designaspekte des Vorgängers verantwortlich war, verschwunden sind die wiederauftauchenden Wachposten und verschwunden ist der Konflikt über Blutdiamanten. Was wir stattdessen haben sind pathologische, blutrünstige Piraten, Tiger, Haie, Drogen, Hipster aus Kalifornien, Waffen ohne Ende und natürlich eine Prinzessin, die gerettet werden will.

Far Cry 3 gewinnt vielleicht nicht die Trophäe für Innovationen im Bereich Thematiken und Story, aber habe ich bereits erwähnt wie ich vorhin vor einem wütenden Tiger fliehen musste mit meiner letzten Spritze im Arm und einer Landminenexplosion im Hintergrund, die den stolzen Jäger in meinen neuen Lederrucksack verwandelt hat?

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Far Cry 3 (PC, PlayStation 3 [getestet], Xbox 360)
Entwickler: Ubisoft Montreal
Publisher: Ubisoft
Release: 4. Dezember 2012
Preis: $59.99 / £59.99 / €69.99

Spieler werden in die Schuhe von Jason Broody gesteckt, der mitsamt seiner Gruppe von selbstgefälligen reichen Schnöseln unbeabsichtigt auf einer von Piraten beherbergten Insel entführt wurde. Einen Fluchtversuch, einen Witz über Forrest Gump und einen toter Bruder später sieht sich Jason bereits verbündet mit der anderen Armee von wahnsinnigen tätowierten Verrückten und beginnt seine Mission um Freunde zu befreien, seinen Bruder zu rächen, die Prinzessin zu retten, die Bombe zu entschärfen, Krebs zu heilen, den Müll rauszubringen, Kindern das Lesen beizubringen etc etc.

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Die Story ist so schwunglos, das es beinahe keine Überraschung mehr ist wenn die beiden sich gegenüberstehenden Trupps alle entweder rote oder blaue Shirts tragen und das natürlich nur der tapfere junge weiße Amerikaner ohne militärische Erfahrung der auserwählte Retter sein kann. Anfangs wirkt es noch wie ein Witz Jason auf Missionen zu schicken, die langes Guerillatraining erfordern sollten, aber später wird einfach akzeptiert, das scheinbar kein anderer Einwohner von Rook Island auf die Idee kam einfach wilde Tiger ins Lager der Piraten zu locken und diese einfach die ganze Arbeit erledigen zu lassen.

Die Tatsache, das dies auch überhaupt eine valide Möglichkeit ist zu spielen lenkt ziemlich schnell von der weit hergeholten Story ab. Der andere wichtige Punkt, der das Spiel davon abhält eine simple Rettungsmission zu werden findet sich in Michael Mandos Performance als Anführer der Piraten Vaas Montenegro.

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Wenn man zum ersten Mal von ihm angesprochen wird entsteht sofort das Gefühlt, dass er nicht nur einfach ein NPC von vielen ist, sondern ein Mensch mit einer Persönlichkeit, Gefühlen, Wünschen und Enttäuschungen. Zugegeben, seine Persönlichkeit ist völlig geisteskrank, seine dominierende Emotion ist wahnsinniger Zorn, er wünscht sich meistens nur uns tot zu sehen und jedes mal wenn wir überleben enttäuschen wir ihn damit, aber er bleibt dennoch das rettende Element der Story.

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Wenn Vaas redet, spricht niemand sonst als ob das Spiel selbst bereits sagen will es ist Zeit einfach nur einen Monolog zu genießen, nur um dann panische Angst zu kriegen wenn er zeigt wie sadistisch er wirklich werden kann. Es ist nicht allein die Tatsache, das er sich über seine Taten im Klaren ist oder wie er es wirklich genießt unbewaffnete Menschen zu erschießen und lebendig zu verbrennen, sondern dass man nach einiger Zeit zu verstehen beginnt wie er eine gewisse Wahrheit in seinem Handeln sieht.

Seit Bioshocks Andrew Ryan ist dies einer der komplexesten Charaktere in First Person Spielen und ohne jeglichen Zweifel auch der heftigste Antagonisten des Jahres und es ist beinahe schon eine Beleidigung wenn er nur für 20 Minuten auftritt in einer Kampagne, die problemlos über 30 Stunden einnehmen kann.

Vaas ist wie Hannibal Lecter für Videospiele, eine Figur die kaum zu sehen ist, sich jedoch präsent macht durch seine atmosphärische und aufrichtige Darstellung. Er ist eine tickende Zeitbombe und seine ruhige Redeart wird beinahe sofort durchbrochen von einer wütenden Explosion aus Zorn, nur um dann wieder hineinzuwechseln in sein kontrolliertes und entspanntes Sprechen.

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Mandos Performance ist so lebhaft und dynamisch, das man auch beinahe schon vergisst wie dies letztendlich doch ein Spiel darüber ist in den Dschungel zu gehen um Haie mit Granaten zu bombardieren. Dies hätte problemlos einfach nur ein weiterer Bösewicht mit mieser Laune oder nur viele wütende Blicke und erbärmliches Geschrei sein können, dessen Pathos an schlechtes Theater erinnert. Stattdessen geht dieser Söldnerpirat hinter eindimensionale Grenzen.

Es fällt noch leichter überheblich zu wirken mit diesem Charakter, aber glücklicherweise gibt es diese spezifische Qualität von Vaas ein bluthungriger Psychopath zu sein, was diese Analyse davor rettet tiefgründiger zu wirken als sie es muss.

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Ausgehend von der finalen Entscheidung ähnelt Jason selbst Vaas viel mehr als er es vielleicht wahrhaben möchte, was wiederum das ganze Motiv die Prinzessin retten zu wollen auf den Kopf stellt und die Rückkehr zur Zivilisation im besten Falle nur fragwürdig macht.

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Die Insel selbst beherbergt eine Vielzahl verschiedener wilder Tiere und ist eine willkommene Ergänzung zu den wunderschönen Welten von Skyrim, Just Cause 2 und Red Dead Redemption. Logischerweise kann so ein kilometerweites Terrain nicht grafisch mithalten mit Konkurrenz wie Uncharted 3, Max Payne 3 oder der Qualität von Battlefield 3 und der Frostbite 2 Engine, aber Far Cry 3 bietet trotzdem noch eine umwerfende Welt um sich darin zu verlieren. Das sehr intuitive und einfach zu verwendende Fast Travel System hilft dabei die Landschaft zu erkunden, besonders wenn Fahrzeuge sich nur schwammig steuern lassen.

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Aus direkter Nähe wirken Texturen ebenfalls verwaschen und unscharf und auch gelegentliche Gegner offenbaren merkwürdige Verhaltensmuster, wenn sie in einen Wagen steigen, 2 Sekunden fahren, aussteigen und dann zu Fuß weiterlaufen. Als ob selbst Gegner in diesem Spiel wissen wie unpräzise die Lenkung der Autos ist.

Generell lassen sich kaum Bugs oder Glitches finden, dafür stellt sich das Inventarsystem als unnötig nervig heraus. Tiere Jagen um aus deren Haut Holster und Taschen herzustellen sollte Spieler mit neuer Ausrüstung belohnen, aber letztendlich fühlt sich dieser Aspekt weniger wie eine aufregenden Jagd an und mehr wie ermüdende Arbeit.

Es macht Sinn von einer Spielperspektive aus nur für schwer zu ergatternde Haut die beste Ausrüstung bereitzustellen, aber es gibt keinerlei Logik dahinter wieso nur Ziegenleder einen bestimmten Gegenstand fabriziert und Schweinsleder nicht.

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Ziegen und Rehe mit einer Machete zu jagen ist hier wesentlich uninteressanter als es klingt und das verschachtelte Menü ist hierbei keine große Hilfe. Ein intuitives Menü benötigt so wenig Knopfdrücke wie möglich um aus einem schlechten Köcher einen viel besseren Köcher zu machen und Far Cry 3 hat so viele Unterkategorien, das es förmlich danach schreit umstrukturiert zu werden.

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Der überflüssige Frust dahinter wird glücklicherweise schnell weggeworfen sobald Jason sich zu einem besseren Arsenal verhilft und es macht Spaß Waffen individuell anzupassen. Deus Ex: Human Revolution bot zwar explosive Revolverkugeln an, hier gibt es jedoch alles von Flammenwerfern und Brandpfeilen bis hin zu Plastiksprengstoff und verschiedenen Pistolen, Gewehren, Geschützen und Raketenwerfern.

Wenn man schon dabei ist,wieso sollte man dann auch nicht gleich seine Schrotflinte im Camouflage-Look verzieren? Es macht vielleicht keinerlei Sinn, aber es sieht cool aus wenn man durch das Gebüsch schleicht mit einem selbstbemalten Bogen und dabei so tut als wäre man Rambo.

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Man nehme die Stealth-Mechanik von Dishonored, ersetzte Magie mit modernen Waffen und platziere alles in Skyrim und man hat auch schon eine Idee davon wie gut es sich anfühlt in Far Cry 3 herumzuschleichen. Sich in Büschen zu verstecken und Gegner zur Beute zu machen, die dann lautlos mit der Machete ausgeschaltet wird geht so leicht von der Hand, dass Veteranen des Genres für das gesamte Spiel nichts benötigen sollten außer Grips, einer Klinge und der einen oder anderen Granate, einfach nur weil Explosionen so großartig wirken.

Wenn sie funktioniert, zeigt die künstliche Intelligenz auch ihre Stärken indem Piraten Gebiete durchforsten, Orte überprüfen an denen man zuletzt seine Waffe gefeuert hat und nach Verstärkung rufen. Das macht es umso befriedigender ganze Patrouillen auszuschalten ohne jemals gesehen oder gehört zu werden, was mit extra Erfahrungspunkten belohnt wird. Die Herausforderung besteht darin sein eigenes Vorgehen zu planen, die Ausrüstung anzupassen und die geeigneten Upgrades freizuschalten. Drei verschiedene Tiere symbolisieren Fähigkeitsbäume vom Reiher für Fernkampfangriffe, Haie für weniger subtiles und aggressives Vorgehen und Spinnen für verbesserte Jagd- und Schleichfähigkeiten.

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Wogegen traditionellere Rollenspiele auf Spezialisierung weniger Fähigkeiten aus sind, besteht die Option so ziemlich alles in Far Cry 3 zu erlernen. Es erinnert stark an Batman Arkham City und die Frage besteht nicht darin worauf der Fokus gelegt wird, sondern welches Upgrade zuerst gekauft wird. Will ich zuerst von einem Dach springen und zwei Wachen mit meiner Machete gleichzeitig erstechen können oder will ich lieber doch weniger Schaden von Granaten nehmen?

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Neben der 20 Stunden langen Kampagne gibt es noch eine Vielzahl an Kopfgeldjägermissionen, Rennen, Wachposten, sowie Radiotürme, die neue Waffen und Ausrüstung in den Läden verfügbar machen. Ironischerweise entsteht so wieder die typische Dissonanz von Open World Spielen bei denen der Protagonist sein Hauptziel so schnell wie möglich erledigt haben will, aber dabei will ich doch eigentlich nur mit Vaas zusammenarbeiten, Leute entführen und ausrauben und die Insel mit meinem Flammenwerfer in der Hand erkunden um jeden zickigen Bär oder Alligator zu grillen, der sich mit mir anlegen will.

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Wie auch der Vorgängers gibt es wieder einen Multiplayer samt Map Editor, der bekannte Modi wie Team Deathmatch einbaut. Die verschiedenen Waffen, Perks, und Killstreaks kombiniert mit Boni wie Giftgas auf dem tropischen Terrain lassen den Eindruck von Call of Duty im Duschgel entstehen, aber selbst dann handelt es sich dabei nur um eine nette Beigabe zu einem ohnehin schon guten Produkt.

Auch wenn sich wahrscheinlich niemand an Far Cry 3 erinnern wird aufgrund der Onlinekomponente ist es großartig ein so vollgepacktes Spiel zu sehen, das auch noch Splitscreen Coop anbietet.

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Wogegen Borderlands 2 die gesamte Kampagne für zwei Leute spielbar macht bietet Far Cry 3 eine unabhängige Story an in der vier stereotype Charaktere Jagd machen auf einen verräterischen Kapitän. Der russische Auftragskiller, der fluchende Schotte, der amerikanische Ex-Cop und eine Frau.

Sich an all diese Klischees zu erinnern war bis jetzt der schwierigste Teil dieses Artikels, da jeder so ziemlich bloß ein Avatar für Spieler ist. Es macht durchaus Spaß mit vier Freunden Piraten auf einer Insel zu erschießen und zu sehen wo die Story sie hinführt, aber schließlich will man doch zurück zu Jason und dafür sorgen das diese bedrohten Tierarten auch weiterhin bedroht bleiben, vorzugsweise mit Raketenwerfern und Landminen.

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Das ist auf jeden Fall ein großes Spiel mit einem großen Budget, das an ein großes Publikum gerichtet ist um dieses Investment zu rechtfertigen. Mit diesem Paradigma im Hinterkopf ist es noch immer ein exzellentes Produkt, das vielleicht nicht die komplexen Motive des Vorgängers aufgreift, aber dafür unglaublich unterhaltsam und überzeugend ist. Auch wenn Vaas als Figur unausgelastet bleibt und es bei einigen Missionen an Kreativität mangelt gibt es noch massig viele Dinge, die ich nicht einmal erwähnt habe wie psychedelische Drogen und Pilze.

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Am Ende bleibt über Far Cry 3 zu sagen, dass wenn es dich nicht dazu bringt Ziegen hinterherzurennen und auf unpräzisen Plattformen zu landen es wirklich intensiv und aufregend ist die Insel auf eigene Faust zu erforschen und zu sehen wo man hinkommt. Pass nur auf nicht auf eine Mine zu steigen während du vor diesen Tigern wegrennst.

Far Cry 3 bekommt eine 9/10. Eindeutige Kaufansage.

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